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Die Rückkehr des Heimatgefühls

January 24, 2010

Wir leben permanent auf dem Sprung. Und gerade das ermöglicht das Comeback des leicht angestaubten Begriffs "Heimat" - Heimat bedeutet für viele eine Landschaft, ein bestimmter Gegenstand oder ein Geruch aus Kindertagen. Auch das Zusammensein mit Freunden wird uns jetzt immer wichtiger.

In der Krise brauchen wir einen Rückzugsort. Das kann der eigene Garten, eine bestimmte Parkbank oder ein kleines Café sein. Entscheidend ist der persönliche Bezug.

Seine Heimat liegt zwischen Küche und Kiez, in einer tristen Lagerhalle. Sie riecht etwas ranzig, nach Frittierfett. Gemütlich ist sie eigentlich nicht, die Kulisse des Films "Soul Kitchen" im Hamburger Hafenviertel Wilhelmsburg. Trotzdem ist das fiktive Restaurant "Soul Kitchen" für Fatih Akin der Inbegriff für einen Ort, an dem er sich zu Hause fühlt. Er sei Hamburg etwas schuldig gewesen, sagte der Regisseur kürzlich in einem Interview. Herausgekommen ist eine Liebeserklärung. Einen "Heimatfilm" nennt es Fatih Akin. An eine Stadt, in der er als Sohn türkischer Einwanderer geboren wurde, wo er aufgewachsen ist.

Was für Akin die Stammkneipe, ist für andere eine Landschaft, ein bestimmter Gegenstand oder ein Geruch. Der Apfelkuchen, von Oma gebacken, erinnert uns an ein Stück heile Welt aus Kindertagen. Heimat ist ein Gefühl. So sang es Herbert Grönemeyer 2001.

Fatih Akin, 36 Jahre alt, steht für eine Generation, die geprägt ist von Schlagworten wie Globalisierung, Wirtschaftskrise und Web 2.0. Kaum ein Lebenslauf ohne Auslandsaufenthalt und ständige Ortswechsel: Kindheit in Stuttgart, Studium in Berlin und London und für den Job bereits vier Mal in eine andere Stadt gezogen - ein mittlerweile typisches Profil. Mobilität und Flexibilität sind Eigenschaften, die bei Personalplanern von Unternehmen zur Einstellungsvoraussetzung gehören.

Wir leben auf dem Sprung und unsere Freunde längst nicht mehr nebenan. Ob Tokio oder Toronto, durch Facebook und Skype rückt die Welt zusammen. Und gerade das ermöglicht das Comeback des leicht angestaubten Begriffs "Heimat". Fern ab von einem Bild, das Heimatfilme wie "So lange die Rosen blüh'n" in den 50er und 60er Jahren suggerierten. Mit weidenden Kühen auf Alpenwiesen, Volksmusik und Trachtenmode.

Heimat wird neu definiert. In Zeiten, in denen sich alles aufzulösen scheint, in denen wir tausende Kilometer so schnell zurücklegen wie ganze Bankenimperien zusammenbrechen, sehnen wir uns nach Stabilität und etwas Vertrautem. Das sind immer seltener die Geburtsorte, sondern zwischenmenschliche Beziehungen. Laut einer Umfrage des Instituts Emnid im vergangenen Jahr setzen 77 Prozent der Deutschen Heimat mit Familie gleich. Trotz Zunahme von Scheidungen und Patchwork-Familien. Das Zusammensein mit Freunden, gemeinsame Koch- und Spielabende werden wichtiger.

Neben der Familie gewinnen Produkte, die Ursprünglichkeit und Bekanntes bieten, an Bedeutung. In vielen Städten gibt es Läden wie "Obacht". Ein Geschäft für Heimatgefühl, so nennen es Marion Marr und Babette Mack. Die Münchnerinnen verkaufen ausschließlich Ware, die in der Region hergestellt wird. Eine handgestrickte Tasche für das iPhone, ein Kräuterlikör namens "Hirschkuss".
Als "Still Made Here"-Trend ("Noch hier gemacht") beschreiben Zukunftsforscher von "trendwatching.com" die Rückkehr des Regionalen. "Mit dem Zusammenbruch der Superstrukturen in Politik und Wirtschaft wächst die Sehnsucht nach lokalen Produkten", sagt auch der Trendforscher Torsten Rehder von der Hamburger Agentur "Trendone". Das sei kein kurzfristiger Trend, sondern werde weiter an Dynamik gewinnen, so Rehder. "Wir befinden uns in einer Zeit der Umorientierung, in der eine ökologische Lebensführung relevanter ist."

"Think global, eat local" ist daher eine Devise, die sich vermehrt durchsetzt. Molekularküche ist passé. Restaurants greifen den "Local Food"-Trend auf. Als Vorreiter gilt René Redzepi mit seinem Kopenhagener Zwei-Sterne-Restaurant "Noma". Er kocht ausschließlich mit lokalen Zutaten wie Apfelessig und Rentierfleisch. Auch Jamie Oliver und Johann Lafer verwenden vorwiegend Produkte aus regionalem Anbau. Warum biologische Äpfel aus Neuseeland kaufen, wenn es sie nur wenige Kilometer entfernt gibt - ohne unnötigen CO²-Ausstoß?

Die Rückbesinnung auf das Natürliche verschließt sich aber keinesfalls moderner Technik. Selbst regionale Nahrungsmittel können im Web bestellt werden. Auf dem Online-Marktplatz lokalgold.de etwa bieten kleine Manufakturen deutschlandweit handgefertigte Produkte wie Konfitüren, Senf und Gebäck an. In Biokisten wird einmal wöchentlich ein Sortiment aus saisonalem Obst und Gemüse, aber auch Milch- und Fleischprodukten ins Haus geliefert. Nach Angaben des Verbands bäuerlicher Gemüselieferbetriebe steigt der Absatz jährlich um fünf Prozent. Die neue Heimatbewegung hängt auch mit einem verstärkten Klimabewusstsein zusammen. Mit dem Kauf von Produkten auf dem Wochenmarkt tun wir nicht nur etwas für unser Gewissen und unterstützen die Region. Frisch gepflückte Erdbeeren schmecken schlicht besser. Sie sind ein Stück Heimat, versprechen Echtheit.
Sogar in der Metropole New York wird gemeinschaftlich geerntet. Zwischen den Hochhausschluchten finden sich immer mehr liebevoll angelegte Gärten, so genannte "Community Gardens", mit Gemüse für den Eigenbedarf: Brokkoli aus der Bronx, Gurken aus Greenwich Village.

In Deutschland heißt das Kleingärtnerglück nach wie vor Schrebergarten. Allerdings zunehmend ohne Gartenzwerg und akkurat geschnittenem Rasen. Denn der Altersdurchschnitt von Schrebergartenbesitzern ist, nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, seit 2006 um zehn Jahre gesunken. Der Gartentrend erreicht jetzt auch die Mode. So setzt H&M mit seiner "Garden Collection" auf Blumenmuster und romantische Raffkleider - aus ökologischen und recycelten Materialien. Ab März ist die Kollektion zu kaufen und soll Naturverbundenheit demonstrieren.

In der Krise brauchen wir einen Rückzugsort, sagen Sozialpsychologen. Das kann der eigene Garten, eine bestimmte Parkbank oder ein kleines Café sein. Entscheidend ist der persönliche Bezug.

Zwischen dem "Starbucks" an der Upper Eastside und dem in Heidelberg gibt es kaum Unterschiede. Doch das familiengeführte Café an der Ecke ist einzigartig. Abgenutzte Plüschsofas, die vom Sperrmüll oder aber auch von Oma stammen könnten, stehen in Cafés von Szenevierteln wie Prenzlauer Berg in Berlin oder der Hamburger Schanze. Dort trinkt man beispielsweise im "Zoe" die heiße Schokolade aus Porzellanbechern mit Blumendekor, spürt die Springfedern der Sessel im Rücken. Deswegen geht man gern hierhin, denn der Wohlfühlfaktor stimmt.
69 Prozent der für die Emnid-Studie Befragten definieren Heimat als Geborgenheit. Und Geborgenheit lässt sich vielerorts finden. Manchmal sogar in einer zugigen Lagerhalle, die nach Bratfett stinkt.

 


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