DAS NÄCHSTE GROSSE DING - Geld für nichts
January 23, 2008

An Möglichkeiten, Geld auszugeben und keinen greifbaren Gegenwert dafür zu bekommen, fehlte es noch nie.
Man muss dafür gar nicht auf Mails aus Nigeria reagieren, es reicht, wie die Wirtschaftswissenschaftler Stefano Della Vigna und Ulrike Malmendier 2005 herausfanden, eine Jahresmitgliedschaft im Fitnessstudio abzuschließen.
Wer das tut, zahlt nicht nur im Schnitt 700 US-Dollar pro Jahr drauf, sondern macht von seiner Mitgliedschaft auch seltener Gebrauch als Kunden, die ihren Beitrag pro Besuch entrichten.
Ähnliches gilt für Geschenkgutscheine: Diverse Studien zufolge bleiben zwischen 20 und 30 Prozent aller verschenkten Gutscheine ungenutzt.
Der US-Elektronikkette Best Buy brachten nicht eingelöste Geschenkgutscheine im Jahr 2007 umgerechnet knapp 13 Millionen Euro zusätzlichen Gewinn ein.
Eine Stufe abstrakter wird das Geschehen bei Anbietern wie Mydays und Jollydays: Hier kauft der Schenker Gutscheine für Erlebnisse vom Panzerfahren bis zur Blattgoldmassage.
Bei den Kollegen von trendwatching.com heißt die Zielgruppe solcher Angebote "Transumers" und interessiert sich weniger für dauerhaften Besitz als für Unterhaltung und Entdeckung.
Denn irgendwo muss das Geld ja hin, und auf diese Art füllt sich die Wohnung des Beschenkten - unabhängig davon, ob der Gutschein jemals eingelöst wird - nicht noch weiter mit lästigen Gegenständen.
Ein verwandtes Phänomen ist das Ausgeben echten Geldes für virtuelle Gegenstände, Kleidungsstücke oder Möbel in Second Life zum Beispiel oder "World of Warcraft"-Gold, das sich dann wiederum in Pferde, Waffen oder anderes fiktives Zubehör umsetzen lässt.
Aber vielleicht sind auch das Erlebnis, das virtuelle Schwert, das WoW-Pferd noch zu konkret, und die nächste Verfeinerungsstufe besteht im völligen Verschwinden des Produkts.
In letzter Zeit haben sich attraktive neue Möglichkeiten aufgetan, Geld auszugeben und überhaupt nichts mehr dafür zu erhalten.
Bekam man bisher noch irgendeine Pro-Forma-Ware wie einen "Ionen-Armreif" oder einen "Magnet-Wasserentkalker" dazu, wenn man das Gefühl erwerben wollte, das Richtige zu tun, sind mittlerweile gänzlich produktlose Produkte auf den Markt geraten.
Der CO2-Ausgleich, den man bei Easyjet seit 2007 gleich bei der Flugbuchung mit in Auftrag geben kann und die Ökostromverträge, nach deren Abschluss weiterhin derselbe Strom wie bisher aus der Leitung fließt, gehören dazu, aber das Phänomen beschränkt sich nicht auf den Umweltbereich.
Diejenigen Kunden, die für den Download des neuen Radiohead-Albums "In Rainbows" freiwillig bezahlt haben, hätten ohne Geld exakt dasselbe Produkt bekommen.
Was früher "Spenden" hieß, wird vermehrt zu "Kaufen" umgedeutet; vielleicht, weil die Abwesenheit einer sperrigen Ware in Zeiten des materiellen Überflusses erstmals als geldwertes Feature wahrgenommen werden kann.
Grenzgänger zwischen den Geldausgebewelten sind das Trinkgeld, dessen Sinn unter Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern weiterhin umstritten bleibt, und die Marke, die einen immateriellen, aber in harter Währung bezahlten Glanz um die Ware herum verbreitet.
Unter Umweltgesichtspunkten ist die Lage klar: Geld ausgeben für nichts ist die ressourcenschonendste Form des Konsums und deshalb uneingeschränkt zu befürworten.
Ein Doppelnutzen ergibt sich aus dem Umstand, dass sich das Geld nur einmal ausgeben lässt: Was für das Nichtskaufen eingesetzt wurde, steht nicht mehr für den Kauf von SUVs und Nanu-Nana-Tand zur Verfügung.
Schade, dass der 1992 ins Leben gerufene Protestfeiertag "Buy Nothing Day" noch zu sehr der überkommenen Idee verhaftet bleibt, Nichtskaufen bedeute automatisch, auch kein Geld auszugeben.
Obwohl die - nicht mehr erhältlichen - "Buy Nothing Day"-T-Shirts ganz ohne Aufdruck schon ein Schritt in die richtige Richtung waren.
Damit diese gute Idee nicht halbvollendet bleibt, haben wir uns entschlossen, ein T-Shirt anzubieten, bei dem nicht nur der Aufdruck, sondern auch das T-Shirt weggelassen wurde.
Denn wer hat schon Platz im Kleiderschrank zu verschenken?
Stückpreis 20 Euro, Überweisungen bitte an Zentrale Intelligenz Agentur, Konto 3024008 bei der Ethikbank.
Nur solange der Vorrat reicht!
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